Kaum eine Supervision, kaum ein Coaching, kaum eine Führungskräfteentwicklung bei mir kommt ohne das Werte- und Entwicklungsquadrat aus. Das Modell, was auf den ersten Blick etwas sperrig wirkt, ist ein echter „Allrounder“ und gewinnt mit jeder Wiederholung, finde ich. Wie es grundsätzlich funktioniert, habe ich in meinem Artikel Lieblingsmethode: Das Werte- und Entwicklungsquadrat beschrieben.

In einem Supervisionsteam der stationären Jugendhilfe zeigte sich ein Spannungsfeld, das ich für zentral halte, wenn Menschen gemeinsam Jugendliche in einer Wohngruppe begleiten. Klarheit und Konsequenz auf der einen Seite, Nähe und Zugewandtheit auf der anderen. Wer in einer Wohngruppe arbeitet, gibt jeden Tag viel: im Schichtdienst, an Feiertagen, nachts. Und muss dabei ständig abwägen, wann es ein klares Nein braucht und wann eine offene Tür.

Die Netten und die Strengen

Vielleicht kennst Du das aus Deinem Team – oder von Dir selbst (Elternpaare fallen hier auch gern in die beiden Lager): Gehörst Du eher zu den Netten oder eher zu den Strengen? Die meisten von uns haben da eine persönliche Neigung. Manchmal ist es Temperament, manchmal biografische Erfahrung: Wie bin ich selbst groß geworden, was hat mich geprägt – und was habe ich in meiner professionellen Entwicklung schon erlebt?

Und ich? Ehrlich gesagt: Ich weiß es gar nicht so genau. Mal so, mal so – je nachdem, wer mir gegenübersteht und wie lang der Tag schon war. Umso dankbarer bin ich für Menschen um mich herum, die mich (wenn möglich liebevoll) an die jeweils andere Seite erinnern.

Beide Seiten sind erst einmal in Ordnung, denn jede steht für einen echten Wert. Problematisch wird es, wenn eine Seite in die Übertreibung rutscht.

Ein Beispiel: Am Abend soll das Handy abgegeben werden. Die Jugendliche liegt im Bett, die Augen zu, der Atem ruhig. Wer will da schon wecken? Die Kollegin lässt es gut sein. Am nächsten Morgen sind sich die anderen sicher: Das Mädchen hat nur so getan. Und die Kollegin ist ihr auf den Leim gegangen.

Bei ihr ging also, was bei den anderen nicht ging. Es entstand Hilflosigkeit, die zu Ärger wuchs: Wie sollen wir Regeln durchsetzen, wenn sie an anderer Stelle aufgeweicht werden? Und hier wird es heikel. Jugendliche mit brüchigen Bindungserfahrungen haben feine Antennen für jeden Riss im Team, und sie finden ihn. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie gelernt haben: Erwachsene sind nicht verlässlich, also suche ich mir den, bei dem es geht. Und die Erwachsenen? Die streiten sich dann über die Jugendlichen, statt gemeinsam für sie da zu sein. Übrigens kippt auch die andere Seite: Wer nur noch auf Regeln pocht, wirkt schnell kalt, landet in Machtkämpfen und verliert die Jugendlichen.

Das Quadrat für die Wohngruppe

Das Thema des Quadrats könnte Beziehungsgestaltung lauten oder Halt geben. Denn Klarheit ist kein Gegenteil von Beziehung, sondern selbst ein Beziehungsangebot: Ich halte Dich aus, ich bleibe verlässlich, auch wenn Du mich testest.

Werte- und Entwicklungsquadrat zur Beziehungsgestaltung: Die Tugend Klarheit & Konsequenz (verlässlich, strukturgebend, grenzsetzend) und die Schwestertugend Zuwendung & Nähe (warm, empathisch, flexibel, individuell) stehen in Spannung. Ihre negativen Übertreibungen sind Härte (rigide, strafend, kalt, autoritär) und Beliebigkeit (konfliktscheu, kumpelhaft, distanzlos). Diagonale Pfeile zeigen die Entwicklungsrichtung von der Übertreibung zur jeweils anderen Tugend.

Was Jugendliche brauchen

Jugendliche in einer Wohngruppe brauchen beides gleichzeitig – und zwar aus einem Team. Halt entsteht aus Verlässlichkeit und Bindung. Das eine ohne das andere trägt nicht.

Ein Nein, das aus der Beziehung heraus gesagt wird, fühlt sich anders an als ein Nein aus Macht. Und Nähe, die keine Grenzen kennt, gibt keine Sicherheit. Gerade junge Menschen, die wenig Verlässlichkeit erlebt haben, testen deshalb immer wieder: Hält die Regel? Hält die Beziehung, auch wenn ich mich an der Regel reibe?

Ein Satz, der das gut zusammenfasst: „Ich bleibe – und ich lasse das nicht zu.“

Was Teams brauchen

Niemand muss beide Pole gleich gut beherrschen. Aber ein Team muss beide gemeinsam halten. Dafür helfen drei Dinge:

  1. Polarisierung erkennen. Teams teilen sich gern in „die Strengen“ und „die Netten“. Jede Seite sieht die andere dann nur noch in ihrer Übertreibung: „Die ist doch kalt.“ – „Der will vor allem der gute Kumpel sein.“ Wer das bemerkt, hat schon viel gewonnen.
  2. Kolleg*innen als Ergänzung sehen, nicht als Gegner. Die Kollegin, die mir zu weich erscheint, hütet vielleicht genau die Tugend, die mir unter Stress verloren geht. Und umgekehrt. Das Quadrat lädt ein, das Gute im scheinbar Schlechten zu würdigen.
  3. Ausnahmen transparent machen. Ausnahmen sind nicht per se weich. Eine begründete Ausnahme, im Team abgestimmt und für die Jugendlichen nachvollziehbar, ist gelebte Individualität. Eine heimliche Ausnahme („Sag's nicht den anderen“) ist dagegen fast immer der Einstieg in Spaltung.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wer recht hat, sondern: Wie kommen wir wieder zusammen, bevor die Jugendlichen uns gegeneinander ausspielen? Austausch, Situationen auswerten, daraus lernen ist der Schlüssel.

Leitfragen für die nächste Teamsitzung oder Supervision könnten lauten:

  • Zu welcher Seite neige ich, wenn es gut läuft? Und wohin kippe ich, wenn ich müde, gestresst oder verunsichert bin?
  • Was ist das Gute an meiner Übertreibung? Was will ich damit eigentlich schützen?
  • Welche Kollegin, welcher Kollege lebt meine Schwestertugend? Was kann ich von ihr oder ihm lernen?
  • Was wäre mein nächster kleiner Schritt auf der Diagonalen?

Und für das ganze Team: Wo sind wir gerade gekippt – und wer von uns hält die andere Seite?

Kein Team muss das perfekt können. Es reicht, wenn wir merken, wann wir kippen, und uns gegenseitig mit einem Augenzwinkern zurückholen. „Na, wer hat heute die Strengen-Mütze auf?“ kann in einer Teamsitzung manchmal mehr bewirken als jedes Regelwerk.

Zum Weiterlesen

  • Schulz von Thun, Friedemann (1989): Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Reinbek: Rowohlt.
  • Omer, Haim / von Schlippe, Arist (2010): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Das Werte- und Entwicklungsquadrat beim Schulz von Thun Institut